Geboren am 18. Dezember 1944 als zweiter Sohn von Knut von Kühlmann-Stumm. Er wuchs überwiegend im Internat auf, leistete seinen Wehrdienst bei einem Panzeraufklärungsbataillon in Hessisch Lichtenau und studierte an der Hochschule St. Gallen, die er 1974 als Lizentiat der Wirtschaftswissenschaften verließ. Danach arbeitete er für eine Schweizer Unternehmensberatung und gründete 1977 eine eigene Gesellschaft für Management- und Marketingberatung, die unter anderem Beteiligungen an Forst- und Industrieprojekten in Chile vermittelte.
Nach dem Tod des Vaters im Januar 1977 übernahm er die Verwaltung von Ramholz, obwohl er nicht der älteste Sohn war. Unter der Woche pendelte er zwischen München, Santiago, Frankfurt und Zürich, an den Wochenenden war er Gutsherr über mehr als 2.000 Hektar, überwiegend Wald. Er kannte die Ramholzer beim Vornamen, wusste um die Sorgen der Pächter und hielt regelmäßig einen Stammtisch mit den Bauern.
Der Stern porträtierte ihn im September 1979 in seiner Serie über den Adel in Deutschland. Es ist das einzige zeitgenössische Porträt, das von ihm überliefert ist. Die Reporterin traf einen Vierunddreißigjährigen, der mit Vergnügen provozierte, sich als Fossil einer vergangenen Welt inszenierte und dabei, so ihr Eindruck, durch jede anmaßende Bemerkung hindurch Selbstironie erkennen ließ. Er selbst beschrieb sich als „Berufshesse, Berufstrinker und Berufsraucher“. Als Ökonom machte er sich über das Haus keine Illusionen: Der Zusammenbruch des Stumm-Konzerns habe die Familie rund 20 Millionen Mark gekostet.
In seinen eigenen Worten
Über das Haus
„Ich sehe das Schloß als Herausforderung und Klotz am Bein. Denn ich würde natürlich auch viel bequemer in Frankfurt leben. Aber dieser Zeitgeist muß sich noch 'ne Weile konservieren lassen, es muß gehen, wenn man nur will. Vom kaufmännischen Standpunkt ist es Wahnsinn, klar - aber die Kiste bleibt!“
„Aristokratie findet nicht in der Mietwohnung statt.“
„Aber alle denkenden Menschen haben doch eine gewisse Todessehnsucht, nicht wahr? Nun, und ich konnte schon immer mit einer intimen Lust am Untergang zusehen, wie etwas auf eine Katastrophe zusteuert.“
Über den Adel
„Die meisten Aristos sind zwar liebenswerte, aber schlappe Kerle. Die ganze bürgerliche Drängelei, die elende Zielstrebigkeit, ist bei denen nicht drin. Eher eine gewisse Müdigkeit. Man kennt sich halt und dreht da was.“
„Adelige gelten doch eher als zitternde Bluter und sonstige Verrecker denn als unternehmerisch denkende Menschen.“
„Als Aristo faßt man so was nicht an. Ist doch spießig, sich für jede Situation wappnen zu wollen.“
Über die Bürgerlichen
„Das war ja zu allen Zeiten so, daß die Aristos ihre Hofnarren hatten.“
„Das sind keine Leute, die Neid mit großem N schreiben. Und sie haben auch nicht das unangenehm intime Verhältnis der Bürgerlichen zu sich selbst.“
„Ich habe eben die Erfahrung gemacht, daß Bürgerliche nicht auf den Putz hauen können - die hauen stets daneben. Ich finde, man muß sich zum Beispiel stilistisch gut betrinken können. Unter Alkohol werden sie entweder ausfallend oder sentimental. Und dann haben sie meist noch nicht mal den Jagdschein.“
„Klar gibt's da trotzdem eine Handvoll Bürgerlicher, die sich reinschafft und dafür dann verdammt anhänglich wird. Das ist die Sorte, die dann die dicksten Siegelringe trägt und das Jagdgesetz auswendig kann und überhaupt päpstlicher ist als der Papst.“
Über den Vater
„So hat Papi zum Beispiel den wilhelminischen Schloßflügel mit einem Irrsinns-Aufwand an Kohle renovieren lassen. Bloß daß hinterher trotzdem kein Mensch dort wohnen mochte, weil Heizungen fehlten und Badezimmer. Da hatte Papi wie üblich wieder mal nicht mitgezählt.“
„Papi war ein rührender und edler Mensch, der hat in seinem ganzen Leben bestimmt nie was Unredliches getan. Sein Unglück war bloß, daß er im Grunde überhaupt nicht liberal war. Er hing in allen nur denkbaren Konventionen fest, ich hätte in so einem Kopf nicht leben mögen! Leute wie er kriegen früher oder später Krebs. Eigentlich ist er mir sein Leben lang fremd geblieben. Das Kennenlernen hatten wir uns fürs Alter aufgehoben. Da kann man mal wieder sehen, wie man sich irren kann.“
Alle Zitate: Paula Almqvist, Die intime Lust am Untergang. In: Stern Nr. 38, 13. September 1979. Zitiert in der Orthographie des Originals.
Wie man diese Sätze lesen sollte
Die Zitate stammen aus einer Serie, die auf Zuspitzung angelegt war, und die Reporterin hat sie ausgewählt. Sie zeigen die Rolle, die ein Vierunddreißigjähriger zwei Jahre nach dem Tod seines Vaters einer Stern-Reporterin gegenüber spielen wollte. Wie viel davon Pose war und wie viel Überzeugung, lässt sich aus einem einzigen Artikel nicht entscheiden. Dass derselbe Mann jeden Ramholzer beim Vornamen kannte, mit den Bauern am Stammtisch saß und drei Jahrzehnte für ein Haus eintrat, das er selbst für unwirtschaftlich hielt, gehört ebenso zum Bild wie seine Sätze über die Bürgerlichen.
Er blieb dabei, drei Jahrzehnte lang. 1997 wurde er Eigentümer, und ab 2000 verkaufte er Ländereien und den dritten Parkabschnitt, um das Haus zu entschulden, statt es aufzugeben. Er starb am 23. Oktober 2008. Auf seiner Grabplatte stehen drei Worte: Above all a friend.