Privates Kultur- und Geschichtsprojekt. Keine Verbindung zum Eigentümer von Schloss Ramholz.
Schmiedeeisernes Tor in Ramholz mit dem Monogramm H S unter einer Krone

Biographien

Bauherren und Bewohner

An Ramholz hängen Lebensläufe, die weit über den Bergwinkel hinausreichen: bis nach Brest-Litowsk, bis ins Bonner Plenum und bis ins Bauhaus.

Hugo Rudolf Freiherr von Stumm-Ramholz

1845 - 1910Der Bauherr

Geboren am 23. Dezember 1845 in Neunkirchen als jüngster Sohn von Carl Friedrich Stumm (1798-1848), der sich in der Wirtschaftskrise der 1840er Jahre das Leben nahm. 1888 Erhebung in den preußischen Freiherrnstand als von Stumm-Ramholz, im selben Jahr wie sein Bruder Carl Ferdinand als von Stumm-Halberg. Während der älteste Bruder Carl Ferdinand die Neunkircher Hütte führte, profitierten Hugo und sein Bruder Ferdinand als stille Gesellschafter von den Erträgen des Familienunternehmens. 1908 gehörte Hugo mit einem geschätzten Vermögen von 14 bis 15 Millionen Mark zu den hundert reichsten Bürgern Preußens.

Preußischer Kavallerieoffizier, Teilnehmer der Feldzüge von 1866 und 1870, 1882 Rittmeister, 1883 Ausscheiden aus dem aktiven Dienst und Kauf von Ramholz. Von 1894 bis 1897 Mitglied des Kommunallandtags Kassel und des Provinziallandtags Hessen-Nassau.

Sein Leben hatte eine Seite, die in Ortsbeschreibungen selten vorkommt. Im Herbst 1887 stürzte er vom Pferd und erlitt eine schwere Gehirnerschütterung mit längerer Bewusstlosigkeit; nach Hans Dorn hat er sich davon nie erholt. 1888 folgte die Entmündigung durch das Amtsgericht Schlüchtern; Vormund wurde sein Bruder Ferdinand, damals deutscher Botschafter in Madrid. Nach erneutem Ausbruch war Hugo ab Mai 1896 bis zu seinem Tod in einer Anstalt in Coswig bei Dresden untergebracht. Der Schlossbau fiel damit in die Zeit der Kuratel. Nach den Forschungen von Horst Becker war Hugo von Stumm vermutlich nur ein- oder wenige Male in seinem neuen Schloss. Den Park hatte er selbst entworfen, geschult an Pückler; vollendet haben ihn andere. Beigesetzt ist er in der Gruft im Park.

Ludovica Freifrau von Stumm, geb. von Rauch

1866 - 1945Die Mäzenin

Tochter des Obersten Adalbert von Rauch, Enkelin des preußischen Generalmajors Leopold von Rauch, über die Großmutter mit der Familie von Blittersdorf verbunden. Heirat 1882.

Sie war die kulturelle Kraft in Ramholz. Sie stand mit namhaften Künstlern in Verbindung, unter ihnen der Dresdner Impressionist Robert Sterl, lud sie nach Ramholz ein und erwarb Werke für das Schloss. Ihr Porträt malte Philip de László, der international führende Porträtist seiner Zeit. Eine Porträtbüste von Ferdinand Seeboeck steht im von der Familie gestifteten Schlüchterner Krankenhaus.

Nach Hugos Einweisung 1896 führte sie Ramholz. Statt des monumentalen Mausoleums, das Gabriel von Seidl 1894 entworfen hatte, ließ sie 1901 bis 1905 die kleinere Gruftkapelle im Wald bauen. Bis zu ihrem Tod hütete sie den Park im Sinne ihres Mannes und vollendete ihn mit dem Obergärtner Felix Schnetzer.

Von ihren drei Kindern starben zwei noch vor ihr, das dritte 1917. Sohn Hugo starb 1910 unverheiratet in Ägypten, Tochter Helga 1914, zwei Jahre nach ihrer Heirat.

Margarete Freifrau von Stumm-Ramholz

1884 - 1917Die Fideikommißherrin

Älteste Tochter des Bauherrn und von 1910 bis 1917 Eigentümerin von Ramholz. Da ihr Bruder vor dem Vater starb, erlosch der Freiherrntitel in männlicher Linie; der Kaiser erhob sie 1913 aus eigenem Recht in den preußischen Freiherrnstand.

Am 25. Januar 1906 heiratete sie in Ramholz den Diplomaten Richard von Kühlmann. Sie starb am 25. Juni 1917 mit 33 Jahren und hinterließ einen Sohn und zwei Töchter. Über sie kam Ramholz an die Familie von Kühlmann, und mit ihrem Tod wurde ein Achtmonatiger zum Erben.

Richard von Kühlmann

1873 - 1948Der Staatssekretär

Geboren in Konstantinopel als Sohn des Generaldirektors der Anatolischen Eisenbahn. Jura in Leipzig, Berlin und München, ab 1899 im diplomatischen Dienst, Stationen in St. Petersburg, Teheran, Tanger und Den Haag, von 1908 bis 1914 Botschaftsrat in London. Dort warnte er seine Regierung, das von Tirpitz betriebene Flottenwettrüsten gefährde jede Verständigung mit England.

Am 7. August 1917 wurde er auf Wunsch des Kaisers Staatssekretär des Auswärtigen Amtes. Er führte die deutsche Delegation bei den Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk mit Sowjetrussland und schloss den Frieden von Bukarest mit Rumänien. Von Beginn an ohne Illusion über einen Siegfrieden, stand er in dauerndem Konflikt mit der Obersten Heeresleitung.

Am 24. Juni 1918 erklärte er im Reichstag, der Krieg lasse sich nicht allein mit Waffen beenden. Die Heeresleitung nutzte die Rede, um seinen Sturz zu betreiben; im Juli reichte er den Rücktritt ein. Danach lebte er zurückgezogen, schrieb Bücher und vertrat als Eigentümervertreter die Familie Stumm in Aufsichtsräten der Stahlindustrie.

Seine Rolle während des Völkermords an den Armeniern gehört zum vollständigen Bild. Als Diplomat in Konstantinopel sprach er zunächst wiederholt von angeblichen Massakern und behandelte die Verfolgung als innere Angelegenheit der Türkei, ehe er später feststellte, die Vernichtung sei in gewaltigem Ausmaß betrieben worden und werde den Namen der Türkei lange beflecken.

Knut Freiherr von Kühlmann-Stumm

1916 - 1977Der Oppositionsführer

Sohn von Richard von Kühlmann und Margarete von Stumm, Erbe von Ramholz im Alter von acht Monaten. Internat Salem, Banklehre in Berlin, ab 1936 Wehrmacht, im Krieg zeitweise Begleitoffizier Rommels in Afrika.

Nach der Kriegsgefangenschaft übernahm er den land- und forstwirtschaftlichen Betrieb in Ramholz. Als Gesellschafter des Stumm-Konzerns war er stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Konzernholding und saß in den Aufsichtsräten mehrerer Tochtergesellschaften.

1960 rückte er in den Bundestag nach. Ein ihm 1961 angetragenes Ministeramt lehnte er ab, weil er als Industrieller keine unvoreingenommenen Entscheidungen treffen könne. Von 1963 bis 1968 führte er die FDP-Bundestagsfraktion und war damit ab Dezember 1966, mit dem Antritt der Großen Koalition, Oppositionsführer im Bundestag.

1972 stimmte er beim konstruktiven Misstrauensvotum gegen Willy Brandt und anschließend gegen die Ostverträge, legte sein Mandat nieder, verließ die FDP und zog im November desselben Jahres für die CDU wieder ein. In den 1960er Jahren hatte er den Schlosspark ganzjährig für die Bevölkerung geöffnet, im umgebauten Kutscherhaus ein Schlosscafé eröffnet und den wilhelminischen Schlossflügel mit großem Aufwand renovieren lassen, ohne dass danach jemand dort wohnen wollte, weil Heizung und Bäder fehlten. Mit 10 Prozent war er 1965 der größte Einzelanteilseigner der Gebrüder Stumm innerhalb der Familie und vertrat sie über viele Jahre im Aufsichtsrat, nach der Umwandlung in die Stumm AG neben Walter Hallstein und Otto Wolff von Amerongen. Am 3. September 1974 schied er aus, sieben Wochen bevor der Konzern Vergleich beantragen musste. Der Zusammenbruch kostete die Familie nach Angabe seines Sohnes rund 20 Millionen Mark. Er starb 1977 bei einem Verkehrsunfall in Bad Soden-Salmünster.

Magnus von Kühlmann

1944 - 2008Der Rechner

Geboren am 18. Dezember 1944 als zweiter Sohn von Knut von Kühlmann-Stumm. Er wuchs überwiegend im Internat auf, leistete seinen Wehrdienst bei einem Panzeraufklärungsbataillon in Hessisch Lichtenau und studierte an der Hochschule St. Gallen, die er 1974 als Lizentiat der Wirtschaftswissenschaften verließ. Danach arbeitete er für eine Schweizer Unternehmensberatung und gründete 1977 eine eigene Gesellschaft für Management- und Marketingberatung, die unter anderem Beteiligungen an Forst- und Industrieprojekten in Chile vermittelte.

Nach dem Tod des Vaters im Januar 1977 übernahm er die Verwaltung von Ramholz, obwohl er nicht der älteste Sohn war. Unter der Woche pendelte er zwischen München, Santiago, Frankfurt und Zürich, an den Wochenenden war er Gutsherr über mehr als 2.000 Hektar, überwiegend Wald. Er kannte die Ramholzer beim Vornamen, wusste um die Sorgen der Pächter und hielt regelmäßig einen Stammtisch mit den Bauern.

Der Stern porträtierte ihn im September 1979 in seiner Serie über den Adel in Deutschland. Es ist das einzige zeitgenössische Porträt, das von ihm überliefert ist. Die Reporterin traf einen Vierunddreißigjährigen, der mit Vergnügen provozierte, sich als Fossil einer vergangenen Welt inszenierte und dabei, so ihr Eindruck, durch jede anmaßende Bemerkung hindurch Selbstironie erkennen ließ. Er selbst beschrieb sich als „Berufshesse, Berufstrinker und Berufsraucher“. Als Ökonom machte er sich über das Haus keine Illusionen: Der Zusammenbruch des Stumm-Konzerns habe die Familie rund 20 Millionen Mark gekostet.

In seinen eigenen Worten

Über das Haus

„Ich sehe das Schloß als Herausforderung und Klotz am Bein. Denn ich würde natürlich auch viel bequemer in Frankfurt leben. Aber dieser Zeitgeist muß sich noch 'ne Weile konservieren lassen, es muß gehen, wenn man nur will. Vom kaufmännischen Standpunkt ist es Wahnsinn, klar - aber die Kiste bleibt!“
„Aristokratie findet nicht in der Mietwohnung statt.“
„Aber alle denkenden Menschen haben doch eine gewisse Todessehnsucht, nicht wahr? Nun, und ich konnte schon immer mit einer intimen Lust am Untergang zusehen, wie etwas auf eine Katastrophe zusteuert.“

Über den Adel

„Die meisten Aristos sind zwar liebenswerte, aber schlappe Kerle. Die ganze bürgerliche Drängelei, die elende Zielstrebigkeit, ist bei denen nicht drin. Eher eine gewisse Müdigkeit. Man kennt sich halt und dreht da was.“
„Adelige gelten doch eher als zitternde Bluter und sonstige Verrecker denn als unternehmerisch denkende Menschen.“
„Als Aristo faßt man so was nicht an. Ist doch spießig, sich für jede Situation wappnen zu wollen.“

Über die Bürgerlichen

„Das war ja zu allen Zeiten so, daß die Aristos ihre Hofnarren hatten.“
„Das sind keine Leute, die Neid mit großem N schreiben. Und sie haben auch nicht das unangenehm intime Verhältnis der Bürgerlichen zu sich selbst.“
„Ich habe eben die Erfahrung gemacht, daß Bürgerliche nicht auf den Putz hauen können - die hauen stets daneben. Ich finde, man muß sich zum Beispiel stilistisch gut betrinken können. Unter Alkohol werden sie entweder ausfallend oder sentimental. Und dann haben sie meist noch nicht mal den Jagdschein.“
„Klar gibt's da trotzdem eine Handvoll Bürgerlicher, die sich reinschafft und dafür dann verdammt anhänglich wird. Das ist die Sorte, die dann die dicksten Siegelringe trägt und das Jagdgesetz auswendig kann und überhaupt päpstlicher ist als der Papst.“

Über den Vater

„So hat Papi zum Beispiel den wilhelminischen Schloßflügel mit einem Irrsinns-Aufwand an Kohle renovieren lassen. Bloß daß hinterher trotzdem kein Mensch dort wohnen mochte, weil Heizungen fehlten und Badezimmer. Da hatte Papi wie üblich wieder mal nicht mitgezählt.“
„Papi war ein rührender und edler Mensch, der hat in seinem ganzen Leben bestimmt nie was Unredliches getan. Sein Unglück war bloß, daß er im Grunde überhaupt nicht liberal war. Er hing in allen nur denkbaren Konventionen fest, ich hätte in so einem Kopf nicht leben mögen! Leute wie er kriegen früher oder später Krebs. Eigentlich ist er mir sein Leben lang fremd geblieben. Das Kennenlernen hatten wir uns fürs Alter aufgehoben. Da kann man mal wieder sehen, wie man sich irren kann.“

Alle Zitate: Paula Almqvist, Die intime Lust am Untergang. In: Stern Nr. 38, 13. September 1979. Zitiert in der Orthographie des Originals.

Wie man diese Sätze lesen sollte

Die Zitate stammen aus einer Serie, die auf Zuspitzung angelegt war, und die Reporterin hat sie ausgewählt. Sie zeigen die Rolle, die ein Vierunddreißigjähriger zwei Jahre nach dem Tod seines Vaters einer Stern-Reporterin gegenüber spielen wollte. Wie viel davon Pose war und wie viel Überzeugung, lässt sich aus einem einzigen Artikel nicht entscheiden. Dass derselbe Mann jeden Ramholzer beim Vornamen kannte, mit den Bauern am Stammtisch saß und drei Jahrzehnte für ein Haus eintrat, das er selbst für unwirtschaftlich hielt, gehört ebenso zum Bild wie seine Sätze über die Bürgerlichen.

Er blieb dabei, drei Jahrzehnte lang. 1997 wurde er Eigentümer, und ab 2000 verkaufte er Ländereien und den dritten Parkabschnitt, um das Haus zu entschulden, statt es aufzugeben. Er starb am 23. Oktober 2008. Auf seiner Grabplatte stehen drei Worte: Above all a friend.

Felix Muche, genannt Felix Ramholz

1868 - 1947Der Rentmeister und Sonntagsmaler

1901 übernahm er die Rentmeisterstelle des Gutes Ramholz, also die wirtschaftliche und finanzielle Verwaltung, und behielt sie bis zur Pensionierung. Sein Sohn Georg Muche wuchs in Ramholz auf und wurde Meister am Bauhaus und einer der ersten abstrakten Maler Deutschlands.

Aus dieser Verbindung entstand in Ramholz etwas, das dort niemand vermuten würde: Der Vater unterstützte den Sohn beim Erwerb von Werken zeitgenössischer Künstler, und es wuchs eine Sammlung der klassischen Moderne heran, in der Namen wie Picasso, Kandinsky, Marc, Feininger, Chagall und Klee vertreten waren.

Im fortgeschrittenen Alter griff Felix Muche selbst zum Pinsel. Sein erstes sicher datierbares Bild von 1924 trägt den Titel Der Sonntagsmaler und zeigt ihn mit Staffelei auf einer Wiese in Ramholz. Rund 65 Gemälde sind bekannt; Arbeiten befinden sich im Vonderau Museum Fulda und im Museum der Stadt Schlüchtern.

Heraldik

Das Wappen derer von Stumm

In Rot eine eingebogene silberne Spitze. Auf dem Helm mit rot-silbernen Decken und Rangkrone ein silberner Ständer zwischen zwei gold-rot gestulpten Hifthörnern.

Das Wappen geht auf ein königlich bayerisches Adelsdiplom von 1815 zurück. Carl Friedrich Stumms Söhne wurden 1888 in den preußischen Freiherrnstand erhoben, Carl Ferdinand als von Stumm-Halberg, Hugo Rudolf als von Stumm-Ramholz. Die Rangkrone über dem Helm gehört zu dieser Erhebung.

Dasselbe Zeichen findet sich am Haus wieder. Im Tor zur Schlossfreiheit sind Initialen unter einer Krone in Eisen geschmiedet, die Hans Dorn als H.V.S. liest, und an der Fassade sitzt das Stumm-Wappen zwischen denen der Hutten und der Degenfeld.

Die Zeichnung links ist eine eigene Umsetzung nach der Blasonierung, nicht die Wiedergabe einer bestehenden Vorlage. Blasonierungen sind frei, jede Ausführung danach ist ein eigenständiges Werk. Das Wappen ist hier Gegenstand der Darstellung und nicht Kennzeichen dieser Seite.

Schmiedeeisernes Tor in Ramholz mit dem Monogramm H S unter einer Krone
Das Tor zur Schlossfreiheit. Hans Dorn liest die Initialen als H.V.S. für Hugo von Stumm; die Krone verweist auf den 1888 verliehenen Freiherrnstand.
Schmiedeeisernes Jugendstiltor am Schloss Ramholz mit Ranken- und Blütenwerk
Das Tor in ganzer Höhe. Das aufsteigende Ranken- und Blütenwerk im Oberteil ist Jugendstil und gehört damit zu den späteren Ausbauphasen.